KI gegen Erdős

Manche mathematischen Probleme sind so einfach formuliert, dass man sie einem Kind erklären kann, und gleichzeitig so schwer, dass sie Generationen von Mathematikern beschäftigen. Eines davon ist das sogenannte Einheitsabstandsproblem: Lege \(n\) Punkte in die Ebene. Wie viele Punktpaare können dann exakt den Abstand \(1\) haben? Das Problem geht auf Paul Erdős zurück und wurde seit 1946 untersucht. OpenAI hat nun veröffentlicht, dass ein internes Modell eine lange geglaubte Vermutung zu diesem Problem widerlegt hat.


Zunächst klingt die Frage harmlos. Wenn man \(n\) Punkte auf eine Gerade legt, erhält man ungefähr \(n-1\) Abstände der Länge \(1\). Legt man die Punkte als Gitter an, also wie auf kariertem Papier, entstehen schon deutlich mehr solcher Abstände: horizontal und vertikal zwischen benachbarten Punkten. Erdős fand bereits Konstruktionen, die etwas besser sind als linear. Lange glaubte man aber, dass dies im Wesentlichen nicht stark verbessert werden kann. Formal ging es um die Vermutung, dass die maximale Anzahl solcher Einheitsabstände nur ungefähr \(n^{1+o(1)}\) wächst, also zwar etwas schneller als \(n\), aber nicht mit einem festen zusätzlichen Exponenten.

Genau das ist nun der überraschende Punkt: Das OpenAI-Modell (welches, wurde nicht kommuniziert) konstruierte nicht nur ein einzelnes Gegenbeispiel, sondern eine unendliche Familie von Punktmengen \(P\), für die die Anzahl der Einheitsabstände mindestens \(|P|^{1+\delta}\) beträgt, mit einem festen \(\delta>0\). Eine spätere Verfeinerung von Will Sawin gibt laut OpenAI sogar \(\delta=0{,}014\) an. Das klingt klein, ist aber mathematisch riesig: Es ist kein logarithmischer Rest mehr, sondern ein echter polynomialer Gewinn.

Ein kleines Beispiel zeigt zumindest die Grundidee. Betrachten wir die komplexe Zahl

\[
u=\frac{2+i}{2-i}=\frac{3+4i}{5}=\frac35+\frac45i.
\]

Diese Zahl hat Betrag \(1\), denn

\[
\left|\frac35+\frac45i\right|=\sqrt{\left(\frac35\right)^2+\left(\frac45\right)^2}=1.
\]

Wenn also \(x\) ein Punkt in der Ebene ist, dann haben \(x\) und \(x+u\) exakt Abstand \(1\). Konkret liegen also zum Beispiel die Punkte

\[
0
\quad\text{und}\quad
\frac35+\frac45i
\]

genau eine Einheit auseinander. Aus einem zahlentheoretischen Ausdruck entsteht damit eine geometrische Richtung der Länge \(1\). Das ist noch nicht der große Gegenbeweis, aber es ist die kleine Version des Tricks: Man sucht nicht nur horizontale und vertikale Einheitsabstände wie im Gitter, sondern viele arithmetisch erzeugte Richtungen, die alle exakt Länge \(1\) haben.

Die echte Konstruktion macht das mit wesentlich stärkeren Werkzeugen. Statt nur mit den gaußschen Zahlen \(\mathbb{Z}[i]\) zu arbeiten, verwendet der Beweis kompliziertere algebraische Zahlkörper \(K=L(i)\). Dort werden viele Elemente der Form

\[
u=\frac{\alpha}{c(\alpha)}
\]

gebaut, wobei \(c\) die Rolle der komplexen Konjugation spielt. Der entscheidende Effekt ist: Unter den relevanten komplexen Einbettungen haben diese \(u\) jeweils Betrag \(1\). Sie sind also Kandidaten für viele verschiedene Einheitsrichtungen.

Sehr grob sieht ein echtes Gegenbeispiel daher nicht wie ein kleines hübsches Bild mit zehn Punkten aus, sondern wie ein riesiger, arithmetisch gebauter Punkteschwarm. Man nimmt ein hochdimensionales Gitter, schneidet daraus passende Punkte heraus, und projiziert diese anschließend wieder in die gewöhnliche Ebene. In der Beweisnotation steckt das ungefähr in der Form

\[
P_j=\pi_1\big((y+\Lambda_j)\cap W\big),
\]

also: Man nimmt Punkte aus einem verschobenen Gitter \(y+\Lambda_j\), beschränkt sie durch einen Bereich \(W\), und projiziert sie mit \(\pi_1\) auf eine komplexe Koordinate, also auf \(\mathbb{C}\cong\mathbb{R}^2\). Viele Differenzen zwischen diesen Punkten sind dann genau solche \(u\)-Elemente mit Betrag \(1\). Deshalb werden sie nach der Projektion zu echten Einheitsabständen in der Ebene.

Anschaulich kann man sich das so vorstellen: Das normale Gitter nutzt wenige einfache Richtungen, etwa rechts, links, oben und unten. Die neue Konstruktion erzeugt dagegen sehr viele versteckte Richtungen, die aus algebraischer Zahlentheorie kommen. Jede einzelne Richtung ist exakt eine Einheit lang. Da es sehr viele solcher Richtungen gibt und viele Punkte passend dazu liegen, entstehen insgesamt mehr Einheitsabstände, als die alte Vermutung erlauben würde.

Bemerkenswert ist auch, woher der Beweis kommt. Laut OpenAI wurde die Lösung autonom von einem allgemeinen Reasoning-Modell gefunden, nicht von einem speziell für dieses Problem trainierten Mathematiksystem. Anschließend wurde der Beweis intern und extern geprüft und in eine menschlich lesbare Form gebracht. Auch die Begleitnotizen externer Mathematiker betonen, dass hier nicht nur eine bekannte Methode automatisiert wurde, sondern eine unerwartete Verbindung zwischen diskreter Geometrie und algebraischer Zahlentheorie sichtbar wurde.

Das ist wahrscheinlich der eigentliche Grund, warum dieses Ergebnis so interessant ist. Es geht nicht nur darum, dass eine KI eine Aufgabe richtig gelöst hat. Es geht darum, dass sie einen Weg gefunden hat, der für viele Menschen nicht naheliegend war: ein geometrisches Problem über Abstände in der Ebene mit tiefen Werkzeugen aus der Zahlentheorie anzugreifen. Mathematik bleibt dadurch nicht weniger menschlich. Aber sie bekommt einen neuen, ziemlich unangenehm starken Mitspieler.

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