Man sieht am Bildschirm ganz klar einen Kreis, doch auf einem davon angefertigten Screenshot ist davon nichts zu sehen. Im interessanten Spiel MOTUS wird damit eine vertraute Erwartung auf den Kopf gestellt: Was man auf dem Bildschirm erkennt, sollte sich doch auch als Bild festhalten lassen, doch das misslingt hier. Der Trick ist keine Aufnahmesperre. Die Form steckt hier nicht in den Bildpunkten selbst, sondern darin, wie sich Bildpunkte im Lauf der Zeit verändern. Ein einzelner Frame hält diese Veränderungen gerade nicht fest.
Der Entwickler Branta Games stellt den Quellcode in GDScript, einer Programmiersprache, die speziell für die Godot Engine entwickelt wurde, frei zur Verfügung. Dieser coole Effekt entsteht, weil unser Sehen auch Veränderungen über die Zeit auswertet. Punkte, die sich gemeinsam bewegen, fasst das Gehirn dabei zu einer Fläche zusammen; so hebt sich der Kreis vom ruhenden Hintergrund ab. Ein einzelnes Bild zeigt dagegen nur ähnlich verteilte Grauwerte, aber weder Richtung noch Tempo.
See the Pen Der unmögliche Screenshot – ein Kreis im Rauschen (WP5364) by David Vielhuber (@vielhuber) on CodePen.
Im Spiel unterscheiden sich mehrere Flächen durch die Geschwindigkeit: Bei \(60\) Bildern pro Sekunde bedeutet eine Verschiebung in jedem zweiten Bild \(60:2=30\) Verschiebungen pro Sekunde. Davon zu unterscheiden ist das Pulfrich-Phänomen: Dunkelt man nur ein Auge ab und hält beide offen, verarbeitet dieses die Bewegung etwas später. Das Gehirn deutet den dadurch entstehenden Bildversatz als räumliche Tiefe. Zum Erkennen des Kreises benötigt man diesen zusätzlichen Effekt jedoch nicht.
Ein Screenshot kann die Punkte also problemlos speichern, aber nicht ihre Bewegung. Eine Videoaufnahme bewahrt dagegen die aufeinanderfolgenden Bilder und damit den entscheidenden Hinweis auf die Form. Auch eine technische Auswertung mehrerer Einzelbilder bleibt möglich; der Effekt ist also kein Kopierschutz. Der vermeintlich unmögliche Screenshot ist deshalb vor allem ein anschauliches Beispiel dafür, dass unser Sehen nicht nur Helligkeiten und Farben auswertet, sondern auch Veränderungen über die Zeit.